Textatelier
BLOG vom: 16.09.2011

Nostalgie nach Noten: 125 Jahre MG Schönengrund-Wald

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Namen, die ich etwa 55 Jahre lang nicht mehr gehört habe, tauchten mit den Menschen, die sie tragen, auf. Fremde – und doch mit bekannten Zügen. Das war doch der Walter Kellenberger, der damals Posaune spielte! Zum Glück wurden wir beim Info-Stand der Musikgesellschaft Schönengrund-Wald auf dem Gemeindehausplatz im Dorf angeschrieben; ein Namensschild wurde den angemeldeten, eintreffenden Gästen, den „Ehemaligen“, von einer nähtechnisch versierten, mütterlichen Dame mit einer Sicherheitsnadel ans Revers geheftet. Cornelia („Conny“) Sturzenegger-Raschle, Ahornstrasse 5, CH-9105 Schönengrund AR, welche zusammen mit der Vereinsaktuarin Andrea Zweifel die verlorenen Söhne in der ganzen Welt zusammengetrommelt hatte, begrüsste uns am 11.09.2011 mit einer Herzlichkeit, wie sie nur Rückkehrern zuteil werden kann, die bei ungewissem Schicksal während Jahrzehnten verschollen waren.
 
Erholung vom Webkeller
Der Anlass war das 125-Jahre-Jubiläum der Blechharmonie Wald-Schönengrund, wie die Musikgesellschaft anfänglich hiess. Sie wurde am 17.06.1886 vor allem auf eine Initiative von Lehrer Josef Jud gegründet. Dies hielt der verstorbene Walter Alder, der Webermeister war, wenn ich mich richtig erinnere, in der Festschrift 1886‒1986 fest. Es war die Zeit, schrieb er, als die „ersten Stickmaschinen in die dafür gebauten Sticklokale eingebaut wurden, in Webkellern die Handwebstühle klapperten und der Handwebstuhlstoff-Fergger noch sein Einkommen hatte“. Der Fergger war der Verbindungsmann zwischen Weber und Händler, also ein Zwischenhändler.
 
In jener Zeit des Webens und Stickens, das immer von irgendwelchen Krisen begleitet war, gab es offenbar einen Bedarf für weniger monotone Töne als jene, die von den Webstühlen ausgingen. Für einen Ausbruch aus dem harten, von Einsamkeit geprägten Alltag. Ein Teil der knapp bemessenen Freizeit sollte dem Musikmachen dienen. Das gelang. Josef Jud wirkte als treibende Kraft viele Jahre als Dirigent und Präsident der Blechharmonie. Der Name ergab sich angeblich aus der Erkenntnis, dass zum Blech auch die Harmonie der Musikanten gehört. Ich nehme an, dass auch ihre Töne recht harmonisch waren, ohne Anspruch auf Professionalität. Auch das Unvollendete kann reizvoll sein.
 
Den Kantonsgrenzen entlang
Die Musikgesellschaft hatte ihr Einzugsgebiet beidseits der Kantonsgrenze Appenzell Ausserrhoden-St. Gallen. Schönengrund gehört zum Kanton AR, und Wald-Schönengrund war ein Weiler der Gemeinde St. Peterzell und damit ein Bestandteil des Toggenburgs. St. Peterzell wurde auf den 01.01.2009 zusammen mit Brunnadern SG und Mogelsberg SG zur neuen Gemeinde Neckertal fusioniert, die es auf etwa 4150 Einwohner bringt; aber es gibt kein Dorf, das so heisst. Die Rationalisierung, Globalisierung, Vereinheitlichung, der Zentralismus ergiessen sich bis in die hintersten Talschaften, nehmen das letzte Heimetli ein. Dabei blieben die Toggenburger, wie sie immer waren.
 
Die Herkunft der Musikanten aus 2 Kantonen (die Mehrzahl stammte aus der Gemeinde Wald-St. Peterzell, die Minderzahl aus Schönengrund) war bei Auftritten wie an der Ausserrhödler Landsgemeinde in Hundwil AR, erstmals 1923, ein Problem, vielen Appenzellern angeblich geradezu ein Dorn im Auge. Die Appenzeller wollten doch unter sich sein. Um den wahren Tatbestand etwas zu kaschieren, wurden die Ortsbezeichnungen im Namen umgedreht: „Blechharmonie Schönengrund-Wald“ hiess der Verein fortan; die nichtappenzellischen St. Peterzeller nahmen sich etwas zurück.
 
Die erste Uniform bestand bloss aus einer Mütze und einer Notentasche, Ausdruck der Bescheidenheit und der fehlenden Mittel. 1950 erst reichten die Finanzen für komplette Uniformen – Occasionen, die der Musikverein Herisau abgestossen hatte.
 
Im abgelegenen Gebiet von Schönengrund und Umgebung traten Musikanten-Naturtalente auf: Sie veranstalteten dann und wann ein Ständchen, gaben bei Umzügen den Takt an und nahmen manchmal an einem Fest wie einem Kreismusiktag teil. Die vereinigten Musikanten wurden zu einer festen Einrichtung in den Gemeinwesen, wurden und werden von der Gemeinschaft getragen. Wenn sie einladen, kommen viele Einwohner aus nah und fern. Man ist stolz auf sie und zollt der Gruppierung Anerkennung. Nicht allein das musikalische Können, auch die Trinkfestigkeit wurde gelegentlich auf eine harte Probe gestellt. Denn es hatte sich im Volk der Zuhörer herumgesprochen, dass das Hineinblasen in die mit Sigolin auf Hochglanz polierten, goldigen Blasinstrumente zu beachtlichen Feuchtigkeitsverlusten führte. Man sah den Beweis dafür, wenn etwa von einer Trompete das Mundstück ausgesteckt und das Instrument mit dem Trichter nach oben ausgeschüttelt wurde. Ein dünnes Rinnsal strebte dem Boden zu. So wurden die Musikanten immer reich mit Tranksame bewirtet. Und nach den Aufzeichnungen von Walter Alder fand manchmal der Eine oder Andere den Heimweg aus einer der 12 Wirtschaften erst am anderen frühen Morgen, als ihm der frische Brotduft aus einer der 8 Bäckereien in die Nase stieg.
 
1951 wurde der schöne Name Blechharmonie durch Musikgesellschaft Schönengrund-Wald ersetzt, was moderner tönte. Es herrschte eine eigentliche Aufbruchstimmung; jedenfalls hatte ich dieses Gefühl, als ich am 14.06.1952 im Alter von 15 Jahren dem Verein betreten durfte. Mein Vater Paul Hess war schon lange dabei, spielte Flügelhorn, mit dem er daheim gelegentlich übte, um „Ansatz“, wie er sagte, zu gewinnen. Leicht angeschwollene Lippen vereinfachen die Tonbildung, wie ich annehme. In der engen Wohnung tönte das aus dem Signalhorn herausgewachsene Instrument mit den 3 Pumpventilen furchtbar laut, und ich war jeweils froh, wenn diese Tortur fürs Gehör beendet war. Dann war der Papa mit sich und seiner Kunst im Reinen.
 
Trommel, Pauke und Cinellen
Monatelang hatte ich auf abgeschrägten, mit dickem Vollgummi belegten, dreieckigen Holzkonstruktionen auf Anleitung von Tambourinstruktor Werner Zuberbühler aus Herisau das Trommeln geübt. Manchmal beeindruckte mich mein Lehrer mit dem anspruchsvollen Basler Stil mit dem Doppelschlagwirbel. Auch eine Kartonschachtel tut’s. Es gelang mir, den Wirbel (2 Schläge rechts, 2 links usf.) ständig zu beschleunigen, bis die einzelnen Schläge in einem eindrücklichen Rauschen mit variabler Lautstärke bis zum gewaltigen Donnern untergingen. Ich hatte u. a. auch den Schlepp, die verschiedenen Triolen-Sorten und die Ordonnanzmärsche geübt. Auf der leicht federnden Trommel ging’s leichter als auf dem behelfsmässigen Böckli, beschwingter; Temposteigerungen waren einfacher.
 
5 Jahre lang war ich als Tambour und später als Paukist und Cinellist bei der Musik im schönen Grund im Einsatz – jede der wöchentlichen Proben war ein kleines Fest. Eine der Cinellen (Becken) war links oben an der Pauke fest montiert, und es war recht schwierig, ihr Ausschwingen nötigenfalls zu unterbinden. Die „Pfannendeckel“ mussten gestreichelt werden; schlägt man sie zusammen, scheppert es.
 
Diese kreisrunden, in der Mitte etwas aufgewölbten Becken wurden mit dem linken Arm bzw. der linken Hand bedient, während die rechte Hand den Paukenschläger mit mehr oder wenige Wucht aufs Fell niedersausen liess. Eine gewisse Kunstfertigkeit war schon nötig, denn je nach Lautstärke der Töne musste mit Cinelle und Paukenschläger mehr oder weniger weit ausgeholt werden, wobei es aber galt, den Rhythmus unverändert zu belassen. Und bei der Marschmusik musste das alles im Taktschritt geschehen. Zum Glück war mir das Taktgefühl (Rhythmusgefühl) in die Wiege gelegt worden. Die Rhythmen stärken den Sinn für die Gemeinschaft und erzeugen Energie, wie man aus der afrikanischen Musik weiss.
 
Auch das Trommeln hat seine Tücken, besonders auf der opulenten Basler Trommel. Sie muss bei Marschmusikeinsätzen mit dem linken Bein schräg ausbalanciert werden. Um dabei den Takt einzuhalten, bedarf es schon einiger Übung. Man steuert das übers Gehör, unterteilt die fliessende Zeit in kurze, gleich lange Einheiten, magisch wirkende Rituale, die mich jeweils in andere Sphären gehievt haben. Bei Konzerten treten die Dirigenten oft durch Gestik und Zeichengebung in einen Dialog mit den Schlagzeugern, die Zeichensprache mit dem Stab nutzend, wenn sie einen Rhythmus ändern oder festigen wollen; denn Schlaginstrumente sind das Rückgrat der Musik und stehen auch im Dienste der Dynamik.
 
1955/56 wirkte ich zusätzlich bei der Bürgermusik Herisau als Kesselpaukist mit, erzeugte manch ein gewaltiges Rauschen durch die Bearbeitung des schwingenden Fells. Je nach Anspannung des Fells kann die Tonhöhe des Klangs variiert werden. Die Ballen der langen Filzschlägel, die man hinten anfasst, waren mit einem im Lichte funkelnden Stoff überzogen, was dem Spiel einen besondern Glanz verlieh. Der Verein stand unter der Leitung von Rolf Zaugg und genoss höchstes Ansehen.
 
In einem Stück (wahrscheinlich) von Maurice Ravel hatte ich bei einem öffentlichen Konzert die Glocken zu bedienen, die aus 3 unterschiedlich langen, baumelnden Eisenstangen bestanden; heute spricht man in Bezug auf Schlag- und Effektgeräten von Perkussionsinstrumenten. Das Orchester schwieg. Glockenschlag 1, Schlag 2. Ich folgte dem Zeichen des Dirigentenstabs, schaute zum Dirigentenpult. Beim 3 Glockenton traf ich die Stange mit dem Hammer nicht in der Mitte, sondern streifte sie nur, da ich eine im linken Auge eine leichte Parallaxenverschiebung habe. Das war mir furchtbar peinlich; der kleine seelische Schaden, den ich erlitten habe, konnte nie richtig ausheilen, auch wenn ich heute der einzige Mensch bin, der sich noch daran erinnert.
 
Ich will aufpassen, dass das nicht zu einer Autobiografie wird, weil einem halt das, was man selbst erlebt hat, besonders bedeutungsvoll erscheint. Und den Rest kennt man höchstens aus 2. Hand, kann weniger exakt davon berichten.
 
Reminiszenzen aus Schönengrund
Nun, die Schönengrunder waren weniger ambitioniert als die Herisauer, und auf diese oder jene kleine Entgleisung kam es weniger an, bei allem ernsthaften Bemühen um eine gute musikalische Qualität. Wahrscheinlich lag und liegt der Wert ihres Musizierens darin, dass sie verborgenen Gemütsregungen freien Lauf lassen und innerhalb eines vorgegebenen gemeinschaftlichen Rahmens authentisch sein können.
 
Gewisse Eigenheiten der Beteiligten bringen Farbe ins Geschehen. Der betagte Alfred Forrer, der zwischen 1947 und 1955 als Dirigent wirkte (Nachfolger von Walter Preisig) war am Ende seines Wirkens steinalt, weit über 80, konnte sich manchmal kaum noch auf den Beinen halten, und möglicherweise war auch sein Musikgehör etwas angeschlagen. Hin und wieder dirigierte der immer in festlichem Schwarz gekleidete Herr Forrer noch einen Ton, wenn das Stück bereits beendet war. Aber wir wussten ja selber, wann wir aufzuhören hatten. An Musikfesten brillierten wir weniger mit unseren musikalischen Talenten als vielmehr mit der Tatsache, dass wir den ältesten Dirigenten weit herum hatten. Das sicherte uns einen gewaltigen Applaus und auch die Nachsicht.
 
Die MG Schönengrund-Wald (www.musikschoenengrundwald.ch) überstand alle guten und schwierigen Zeiten, und sie wurde am Jubiläumsfest 125 Jahre gerade wieder neu uniformiert, nachdem die alten Uniformen abgenützt und die Stoffresten für Flick- und Erweiterungsarbeiten aufgebraucht waren. Die im Februar 1994 zusammen mit den Musikvereinen Schwellbrunn, Dicken und Hemberg gegründete Regionale Jugendmusik St. Peterzell sorgt für ständigen Nachwuchs aus jungen Burschen und Frauen. Zuvor hatte der im Mai 1993 verstorbene Jakob Alder als Ausbildner von Jungbläsern viel Aufbauarbeit geleistet. Der Chronist Hans Kast (77) umschrieb das im neuen Festführer zur Uniformenweihe 2011 so: „Sonnenschein, Gewitter und Sturm haben im Leben des Vereins gewirkt, gute und schlechte Zeiten wurden überwunden, ein Zeichen für die Kraft unseres Vereins. Heute, am 125. Jahrestag der Vereinsgründung, dürfen wir mit Stolz und Freude zurückschauen, stolz auf das Erreichte, erfreut über das Schöne, das wir alle mit unserer Musikgesellschaft erleben durften.“
 
In abgelegenen Gebieten – der nächste grössere Ort ist Herisau – hat das Vereinsleben offensichtlich noch heute eine grosse gesellschaftliche Bedeutung. Es ist der kulturelle Pulsschlag und wickelt sich nicht in einem geschlossenen Kreis ab, sondern ist ein offener Bestandteil des dörflichen und ländlichen Lebens. Dementsprechend war das grosse Festzelt in Schönengrund, wo neben einigen neuen noch die gleichen schönen, blumengeschmückten Appenzellerhäuser mit den niederen Fensterzeilen wie früher stehen, schon am Sonntagvormittag beinahe voll besetzt.
 
Festzelt-Stimmung
Wie Schwerarbeiter mit Federn im Hut und in kurzen Lederhosen sorgten die Damen und Herren der Trachtenkapelle aus Bad Bayersoien in Oberbayern für eine Stimmung – ohne das „Oans, zwoa, gsuffa“. Zwischen 11 und 12 Uhr, ohnehin Zeit zum Kochen, kochte hier das Zelt; denn auf der Bühne spielten die Gäste mitreissende Musik, die sich als Frühschoppen wie flüssige Butter übers Publikum ergoss. Seit 1967 bestehen freundschaftliche Bande zu dieser Kapelle, wie mir mein Tischnachbar Jakob Bischofberger, auch ein „Ehemaliger“, aber jüngeren Datums, erzählte. Sie sei sogar einmal Landesmeisterin von Bayern geworden. Das Talent hat sie jedenfalls dazu.
 
Die hübsche Andrea Zweifel brachte mir ein grosses Offenbier, was mir am Besten zur bayerischen Atmosphäre zu passen schien. Noch bevor ich den ersten Schluck unter dem Schaum hervortrinken konnte, stand ein stämmiger Mann vor mir: „I bi de Fritz Henauer“, sagte er in der sachlichen Art, wie sie den Toggenburgern eigen ist. Der Name war mir geläufig, einige Erinnerungen erwachten. Fritz wohnt noch heute im Stofel 471 (früher: Stafel geschrieben), Wald-Schönengrund, etwas oberhalb der Hauptstrasse Schönengrund-Peterzell (das „St.“ lässt man in der gesprochenen Sprache weg) – es ist die Verbindung St. Gallen‒Toggenburg. Die Wohnung meiner Eltern im alten, zu Wohnungen umfunktionierten Schulhäuschen war ganz in der Nähe. Fritz und ich sind Jahrgänger (1937), besuchten zusammen wahrscheinlich die 5. Klasse. Fritz, ein zuverlässiger Mensch, war Lastwagenchauffeur. Er erzählte mir von Streichen, die ich im pubertären Alter als Musikant begangen haben soll, an die ich mich aber mit dem besten Willen nicht mehr erinnern kann.
 
Bei einem Musikfest soll ich zusammen mit einem anderen Gastverein veranlasst haben, dass wir ihn „herausklatschen“ würden (applaudieren, bis eine Zugabe erfolgt), wenn er Gegenrecht halte. Beide Vereine waren einverstanden, und so mehrten wir unseren Erfolg gegenseitig – man erlebt das ja heute in der Politik: Wählst du mich, wähl ich dich. Auf die Talente kommt es weniger an.
 
Ich bin nicht ganz sicher, wie diese und  weitere Legenden entstanden sind; jedenfalls waren sie für mich neu, und irgendwie wollen sie gar nicht so recht zu meinen üblichen Verhaltensmustern passen. Die Geschichtsschreibung ist immer ein delikates Gebiet.
 
Der Gasthof „Adler“ in Wald, der heute als Bar existiert, war das Epizentrum der Musikanten; der Inhaber hiess Rhyner, war leicht gehbehindert, aber dennoch ein respektabler Kegler, dem aber gelegentlich ein Fluch entfuhr, wenn sich seine Kugel um die Kegel herumdrückte und er den von ihm ausgeschenkten Magdalener oder Kalterersee selber bezahlen musste. Ich weiss das, weil ich oft Kegel aufstellen durfte und bei Kränzen (nur der zentrale Kegel bleibt stehen) oder Babeli (alle fallen um) Spezialprämien von 10 oder 20 Rappen erhielt, ein Riesengeschäft. 
 
Immer neue Namen erhielten Kontur. So sass schräg neben mir der wetterfeste Bauer Ernst Aemisegger, der an schöner Hanglage im Oberstofel wohnt, welcher von der Aemiseggstrasse aus zu erreichen ist. Er spielte das Es-Horn als Begleitinstrument. Den Ruedi Schweizer, ein weiterer Banknachbar und Ehemaliger, der in Schönengrund wohnt, sah ich erstmals.
 
Dann lernte ich Annelis Alder kennen bzw. wiedererkennen, eine Tochter von Walter Alder, in dessen Haus an der Hauptstrasse von Wald-Schönengrund unsere Familie von 1949‒1951 gewohnt hatte, bevor wir in den Stafel zogen. Die strahlende Annelies ist um etwa 10 Jahre jünger als ich, und ich hatte sie seinerzeit nur als Kleinkind wahrgenommen. Aber interessanterweise konnte sie mir sagen, dass ich in der grossen Dachlukarne meine Bibliothek auf einem Gestell aus Backsteinen und gewöhnlichen Brettern eingerichtet hatte. Bücher vermittelten mir etwas von der weiten Welt, von der ich keine Ahnung hatte. Und ich lernte Egon Bleikers attraktiv gebliebene Frau Rösli (71) kennen, die einst im „Kreuz“ serviert hatte; Egon präsidierte den Verein von 1988 bis 1996.
 
Inzwischen hatte im Festzelt der Musikverein Urnäsch unter dem stämmigen Dirigenten Roman Heierle das Zepter übernommen und unter anderem „Musik ist Trumpf“ intoniert. Angenehm waren die Ausführungen der Präsidentin der gastgebenden MGSW, Silvia Preisig, die im Gasthaus „Schäfli“ in Schönengrund aufgewachsen ist (Andrea Zweifel ist ihre Schwester). So ist die jubilierende Musikgesellschaft schon fast ein Familienunternehmen – jedenfalls ein Verein mit allen Attributen einer intakten Familie, in der man sich geborgen fühlt.
 
Der Tag heimelte mich an. Alles war wie früher, wenn auch unter dem Regime von jüngerem Personal. Zwischen den alten Bekannten hatte die lange Zeit etwas Distanz geschaffen. Bei solchen Treffen kommt man sich schon als etwas alt vor – was man ja auch ist. Die Feiern gingen am Sonntagnachmittag mit einer Marschmusikdemonstration zu Ende. Ich hätte liebend gern mitmarschiert und mitgetrommelt, wie einst. Aber inzwischen sind die Handgelenke etwas eingerostet.
 
Quelle
Frei, Herbert: „Gedanken zur Blasmusik und zur Tätigkeit des Blasmusikdirigenten", Private Edition des Autors, CH-5507 Mellingen AG, Ausgabe 1979.
 
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